Zur Teilnahme an diesem städteübergreifenden Tango-Blog lade ich hier in meiner Eigenschaft als Herausgeber zweier Buchreihen und Autor von vier Tangobüchern. Seit 1988 tanze ich selbst Tango, bis 1994 in Berlin, seit meinem Wechsel nach München, arbeite ich hauptberuflich als Tangolehrer, soweit – in aller Kürze – zu meinem persönlichen Tango-Hintergrund.
Was mich nun bewogen hat, diesen interaktiven Tango-Blog anzulegen, ist, daß ich mir hier im Rahmen eines solchen Offenen Tango-Forums, hauptsächlich (aber nicht nur) unter Kollegen im Unterrichts-, Veranstaltungs-, Musik- und Show-Bereich, eine gute Möglichkeit zu fruchtbarem Austausch und zu produktiv kontroversen Diskussionen über aktuelle Entwicklungen im Tango – in all seinen Bereichen – erhoffe. Und es gibt über diesen Offenen Tango-Blog hinaus, die Möglichkeit, daß die interessantesten Texte und Diskussionen darin immer wieder in die jeweiligen Ausgaben einer Tango-Buchreihe eingehen, die ab 2013 etwa bei einem angesehenen Münchener Verlag jährlich mit einem weiteren Band erscheinen wird.
Eine übergeordnete Frage bei diesem Projekt ist: “Wohin geht der Tango? Wie verändert er sich, in der Reibung mit dem Zeitgeist und durch Verbindung mit anderen Kulturen und Mentalitäten (mit besonderem Fokus auf Europa). Was läßt sich hierzu sagen, wo gibt es (regionale/ nationale) Unterschiede?
Eine Tendenz weist beispielsweise offenbar in die Richtung, daß Tango, als universales Kommunikations-Vehikel und Instrumentarium (laut UNESCO mittlerweile auch immaterielles Weltkulturerbe der Menschheit) in immer weitere andere Tätigkeitsfelder hineinadaptiert wird: beispielsweise in die Bereiche diverser Therapie-, Meditations- und Selbsterfahrungsangebote, in Personal- und Management-Trainings, Swinger-Szenen, etc.. Darüber hinaus war zumindest über lange Zeit eine zunehmende Tendenz zum Fusionieren mit anderen Tanztechniken oder Musik-Formen zu beobachten.
Doch ein häufig vorschnelles Fusionieren unterschiedlicher Bereiche, von denen ein jeder für sich noch nicht durchdrungen und gesichert wurde, führt unvermeidlich zur Con-Fusion im Hinblick auf die jeweiligen Gebiete, welche am härtesten lernende Neueinsteiger trifft. Nicht selten leider findet sich, gerade auch in manchem Unterricht, der bewährte Grundsatz, erst zu trennen, dann zu vereinigen (wenn es denn überhaupt sein muß), dabei unberücksichtigt. Eine wichtige Frage ist hier auch: In wieweit verliert sich der Tango selbst in seiner Verbreitung und mittlerweile als ein zunehmendes Mainstream-Konstrukt? Diese Phänome lohnen sicherlich der Betrachtung und Auseinandersetzung, nicht zuletzt, da zuweilen der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit im Umgang mit diesem gewachsenen traditionsreichen Kulturgut aufkommt, den sich nicht wenige ganz unbekümmert nach ihrer jeweiligen eigenen Bedürfnislage zurechtzubiegen scheinen, ohne sich verantwortungsbewußt mit dessen Hintergrund und Basis auseinanderzusetzen.
Insbesondere eignet sich dieser Tango-Blog zur Veröffentlichung von Essays zu Schwerpunkt-Themen des Tango als Tanz sowie hinsichtlich dessen Praxis und Umfeld. Dabei könnte vielleicht manch essentielles zustandekommen. Denn als potentielle AutorInnen spreche ich hier hauptsächlich Tangueras und Tangueros an, die auf einen profunden und breitgefächerten Erfahrungsschatz mit der Kultur des Tango bauen können, weil sie in der einen oder anderen Form entweder beruflich damit arbeiten oder zumindest langjährig intensiv tanzen. Alle, die zu diesen Themen-Bereichen fundierte und lesenswerte Texte beizutragen haben, sind herzlich eingeladen, in diesem Tango-Blog zu veröffentlichen. Das gilt zwar hauptsächlich für fachliche und journalistische Beiträge, doch auch Tango-Literarisches in Lyrik und Prosa ist hier immer willkommen.
Wie eingangs schon darauf hingewiesen, können die interessantesten Texte dieses Tango-Blog nach und nach in die Ausgaben einer für spätestens 2013 geplanten Münchner Tango-Buchreihe eingehen.
Warum ausgerechnet ein Tango-Blog?
Zu den Stärken eines Tango-Blog gegenüber gedruckten Publikationen gehört, daß ein solcher zugleich veränderbar, also dynamisch ist, und dennoch, im Fluß seiner Veränderung, in Wandel und Bewegung, anhaltend auf dem öffentlichen Parkett verweilen kann. Im Gegensatz zu einem Buch, bzw. einer Buchreihe, ist ein solcher Tango-Blog zudem interaktiv: Das heißt, daß AutorInnen und LeserInnen immer wieder die Seite und ihren Part gegeneinander vertauschen und öffentlich miteinander diskutieren können. Zudem bietet dieser Prozeß anhaltend die Möglichkeit, auch seine Dialog-Partner dabei zu wechseln. So gesehen ist ein Tango-Blog vielleicht sogar die am meisten dem Tango gemäße Form überhaupt, Tango literarisch, philosophisch, im Felde des geistigen Austausches, miteinander zu tanzen?
Zudem bietet ein Tango-Blog
- eine schnellere und besonders ergiebige Verbreitung von Inhalten, Reflexionen und Entwicklungen über das Internet,
- die Möglichkeit, auch sehr kurzfristig auf Ereignisse, Geschehnisse und Tendenzen zu reagieren,
- einen prinzipiell grenzenlosen publizistischen Raum, nicht zuletzt vom Platzangebot aus betrachtet, der zudem ur-demokratisch ist und an dem wirklich jede(r) teilhaben kann, sofern dabei Qualität eingebracht wird.
So ist dieser Tango-Blog als Erweiterung und Ergänzung der geplanten Schriften-Reihe zum Thema Tango gedacht, nicht jedoch als Ersatz, da ein Buch wiederum ganz eigene Potentiale besitzt.
Wie kann ich hier selbst einen Beitrag veröffentlichen?
Um eine hohe Qualität publizierter Beiträge zu gewährleisten, werden sie vorab redaktionell gesammelt, geprüft und, wo nötig, in enger Abstimmung mit der jeweiligen Autorin bzw. dem betreffenden Verfasser, auch lektoriert. Alle Texte bitte, soweit noch bekannt, in der Alten Rechtschreibung einreichen.
Bei Interesse, in diesem Tango-Blog einen eigenen Beitrag zu plazieren, wenden Sie sich bitte an die Redaktion unter Mail: nymphenspiegel@aol.com. Der zuletzt publizierte Text befindet sich hierbei, in chronologischer Reihenfolge, immer an unterster Stelle. Texte, die diskursiv aufeinander Bezug nehmen, werden jedoch entsprechend angeordnet.
Ralf Sartori
Wer möchte nun den Tanz erföffnen? …
Bisher niemand? Dann biete ich gerne die Themen des folgenden Texts hier zur Diskussion an: Erfreulicherweise scheint der Höhepunkt der darin angesprochenen Entwicklung zwar bereits überschritten und eine Rückbesinnung auf Qualität und Gehalt des Tango in Musik und Tanz tendenziell wieder zuzunehmen, dennoch erscheint dieses Thema noch immer aktuell genug und – angesichts von Ausmaß und Tragweite des Phänomens – den Versuch einer umfassenderen Betrachtung wert, auch hinsichtlich dessen Hintergründe und Entstehens.
Darauf bezugnehmende Essays und Diskussionsbeiträge – gerne aber auch zu ganz anderen Themen – sind jederzeit willkommen. Bitte an Mail: nymphenspiegel@aol.com.
Der sogenannte Neo- bzw. Elektrotango
von Ralf Sartori
Kaum jemand wird heute mehr bezweifeln, daß Tango eine der authentischsten und komplexesten kollektiven Kulturleistungen des lateinamerikanischen Kontinents darstellt, in Literatur, Lyrik, Tanz und Musik. Er ist urbaner Wildwuchs, Nachtschattengewächs, giftig, bitter, süß und wahr. Er geht in Blut und Mark, unkontrolliert von Politik und vor allem der Unterhaltungsindustrie. Viele Jahrzehnte wurde diese Kultur einfach aus Enthusiasmus zu ihr gelebt, getragen und entwickelt, ohne daß sie deren Protagonisten, nach dem Untergang seiner Goldenen Ära in den 50ern, Wohlstand oder auch nur ein nennenswertes Auskommen lange Zeit beschert hätte.
Einer der Gründe, weswegen sich die Tangomusik bis etwa 50 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg in Europa gar nicht mehr durchsetzen konnte, liegt darin, daß sie ihrem Wesen treu geblieben war und sich in keiner Weise den Rezeptionsgewohnheiten eines von Unterhaltungsindustrie und kommerziellen System genormten europäischen Publikums angebiedert hatte. Piazzolla erst hatte dem Tango durch seine Brückenschläge in die klassische Musik und den Jazz wieder etwas mehr Breitenwirkung verschafft. Das wichtigste aber war, daß er seinen Tango Nuevo nicht auf Kosten der Komplexität und Qualität der Musik entwickelte. Auch die Stimmungen des Tango, seine Atmosphären, blieben darin erhalten, wurden mittels ihrer nur in die Moderne der 60er bis 90er Jahre des 20. Jahrhunderts transportiert.
An zweiter Stelle, im Hinblick auf die zunehmende Verbreitung des Tango, kam dann dessen kontinuierliche Ausbreitung als Tanz seit Mitte des 80er Jahre, in Europa, dazu, die dadurch auch der traditionellen Tango-Musik wachsende Breitenwirkung beschert hatte.
So war jedoch eine nur anfangs schleichende Kommerzialisierung des Tango auf dem europäischen Markt, erst subkulturell, schließlich auf breiter Ebene, nicht mehr aufzuhalten. Zunehmende Professionalisierung des Tanz-Unterrichts mit einhergehendem, meist hauptberuflichen Betreiben von Studios, setzten die altbekannte Spirale „Mehr Anbieter – mehr Konkurrenz – Zwang zur Erschließung weiterer Zielgruppen“ und Markt-Anpassung in Bewegung. Da lag es nahe, um noch mehr Klientel zu aquirieren und sich dem ohnehin jünger werdenden Publikum um beinahe jeden Preis anzudienen, ohne sich dabei wirklich der Mühe und Arbeit zu unterziehen, es geduldig an Kultur und Tradition des Tango in ihrer Gesamtheit heranzuführen, daß man versuchte, in der Techno-, House- und Club-Szene zu wildern, indem man den Tango mit elektronischen Beats versetzte, bzw. zersetzte, was seinem Wesen jedoch gänzlich fern ist und genauso überflüssig, wie aus einem guten alten Bordeaux eine Wein-Schorle zu mischen.
Tango ist speziell, und seinem Wesen nach eben nichts für jederfrau, beziehungsweise -mann. Und so, finde ich, hat ihm der zunehmend marktwirtschaftliche Umgang damit, der stets danach strebt, die Zielgruppen zu erweitern, nicht wirklich gedient.
Was einen großen Teil der Freude am Hören des Tango , seiner Lebendigkeit, sowie an seiner spontanen tänzerischen Umsetzung ausmacht, ist die unregelmäßige Synkopierung seiner Takte, ein Merkmal, das den meisten lateinamerikanischen Musikrichtungen zu eigen ist. Und ganz speziell im Tango: die Stille, die Pausen in der Musik, die ebenso unerwartet gesetzt sind. Beide Grund- und Wesensmerkmale gehen nun beim sog. Neo- bzw. Elektrotango gänzlich verloren. Seine toten Beats fallen mit ödester Berechenbarkeit ins Ohr wie von einer Art akustischem Fließband, auf einer rhythmischen Autobahn.
Dazu kommt, daß sich die Schrittbewegungen, wie sie sich im Tango über eine lange Zeit entwickelt haben, in ihren Intervallen von Verzögern und beschleunigendem Loslassens der gehaltenen Energie (das Buch, dem dieser Essay entnommen ist, geht in zahlreichen Passagen darauf ein, weshalb ich sie hier nicht noch ein weiteres Mal beschreiben möchte) daß sich eben diese Art, sich im Tango zu bewegen, in keinerlei Hinsicht geraden Beats fügt und anpassen läßt.
Für mein Empfinden zeichnet sich, musikalisch betrachtet, in der Verbreitung des sog. Elektrotango durchaus wieder eine Art Parallel-Entwicklung zur damaligen Standardisierung der Tango-Musik anfangs des 20. Jahrhunderts ab, welche diese, zwar in völlig anderer Weise –, dennoch in ähnlichem Ausmaß verzerrt.
Nur, um Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht mir hierbei nicht um die Frage der Qualität des sog. Elektro-Tango an sich und ich möchte mit dieser These auch niemanden dafür kritisieren, daß ihn diese Musik anspricht, doch warum in aller Welt muß man sie Tango nennen, nur weil einige Tango-Phrasen hineingemixt sind? Ein deutscher Eintopf, beispielsweise, macht ja schließlich auch, nur weil einige Langustenstückchen hineingeworfen wurden, deswegen noch lange keine Bouillabaise aus.
Schaffen hier Markt und Kapitalismus, in Verbindung mit dem sog. Zeitgeist, womöglich doch noch, was all die Jahre der Militär-Diktaturen am Rio de la Plata nicht vermochten? Die den Tango als völlig unkontrollierbaren kreativen Ausdruck des Volkes, vor allem seiner gemeinschaftlichen Komponente wegen, naturgemäß ablehnten.
Ralf Sartori (aus „Tango, die einende Kraft des tanzenden Eros“)




